2016 - Brahms-Requiem
 

Interview mit Martin Sieveking zum Chorprojekt "Brahms-Requiem"

 
Warum haben Sie für das Chorprojekt das Requiem von Johannes Brahms gewählt?
 
Am 27. Oktober 2014 starb unser Musiklehrer Markus Kosel nach schwerer Krankheit. Nicht nur wir Lehrer waren davon sehr betroffen, sondern ganz stark auch die Schüler, die bei Herrn Kosel Unterricht hatten. Im November 2014 spielte ich als Hornist zweimal bei Aufführungen des Brahms-Requiems mit und spürte zum wiederholten Male durch diese Musik eine positive Kraft in mir wachsen. Ein Aufrütteln, welches das Bewusstsein und die Willenskräfte weckte. Besonders der 3. Satz (Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss) ging mir sehr unter die Haut und ich ahnte, dass auch Jugendliche durch die Musik etwas Stärkendes mit auf den eigenen Weg nehmen können.
 
Wie ist die denn die Verbindung von Oberstufen- und Projektchor zustande gekommen?
 
Bei der Erarbeitung des „Messiah“ für das Konzert im Juni 2014 wurde ganz deutlich, wie hilfreich und bereichernd es ist, wenn der Oberstufenchor durch einen Projektchor unterstützt wird. Daher wurde über den Brinkfink und durch Herumsprechen dafür geworben, bei diesem Projekt mitzumachen. Ich bin all denen, die seit letzten September Woche für Woche zu den Proben gekommen sind, um dieses große Werk einzuüben, sehr dankbar!
 
Unterstützt wird der Chor durch das Harvestehuder Sinfonieorchester. Haben Sie einen besonderen Bezug zu diesem Orchester?
 
Das Harvestehuder Sinfonieorchester (damals noch Studentenorchester) habe ich zum ersten Mal als 15-jähriger Schüler im Konzert erlebt. Sie spielten meinen damaligen Lieblingskomponisten Tschaikowsky (5. Sinfonie). In meiner Studentenzeit habe ich dann mehrfach als Hornist im Orchester ausgeholfen und ich kenne einige MusikerInnen aus dem Orchester seit knapp 30 Jahren. Vor ein paar Wochen spielten die Harvestehuder die 5. Sinfonie von Gustav Mahler im Großen Saal der Laeiszhalle: gigantisch, tolle Orchesterleistung!
 
Und die Solisten?
 
Julia Barthe (Sopran) habe ich als Student bei einem Projekt mit Werken von Arnold Schönberg in der Opera stabile kennen gelernt und freue mich seit dem immer, wenn sie als Solistin bei Konzerten mitwirkt. Ich liebe ihre natürliche, oft engelhaft schöne Stimme. Im Requiem singt sie nur im 5. Satz gemeinsam mit dem Chor (Wie einen seine Mutter tröstet). Diesen Satz komponierte Brahms unmittelbar nach dem Tod seiner Mutter. Die Musik ist so unglaublich traurig-warm; die Melodien vom Chor und der Solisten scheinen sich geradezu liebevoll in den Arm zu nehmen, in dem der Sopran oft doppelt so schnell die gleiche Melodie singt wie der Chor. Der Bariton-Solist Jörn Dopfer ist Professor für Gesang an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und wurde uns sehr empfohlen. Ich lerne ihn aber erst am Freitag bei der Generalprobe kennen und freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihm. Der Bariton-Solist wird mit dem Chor in einer Art Wechselgesang im 3. und im 6. Satz korrespondieren.
 
Ein Chorwerk dieser Größenordnung erfordert eine entsprechende Vorbereitung. Wie sah die aus?
 
Um es ganz offen zu sagen: Eigentlich ist es ein zu schweres Werk für einen Schulchor! Wir haben im Oberstufenchor jetzt ca. 16 Monate daran gearbeitet und ja auch Teile des Werkes schon mit Klavierbegleitung in drei verschiedenen Konzerten aufgeführt. Man merkt ganz deutlich, dass die SchülerInnen sich am wohlsten in den Sätzen fühlen, die sie schon am besten kennen. Besonders im 4. Satz (Wie lieblich sind deine Wohnungen) wird man dies merken, denn dieser Satz wurde in allen drei Konzerten aufgeführt. Ansonsten waren die Proben wie ein Puzzle. Wir konnten immer nur an einzelnen Stellen intensiv proben und so Takt für Takt das gesamte Werk einüben.
 
Wie verlief der Probenprozess?
 
Die Proben mit dem Oberstufenchor fanden dienstags in der 8./9. Schulstunde statt. Man kann sich gut vorstellen, dass manche dann schon richtig erschöpft von den Anforderungen des Schultages waren. Insgesamt waren die Proben aber relativ konzentriert. Ich bin mir sicher, dass viele Mitwirkende erst in der Generalprobe merken, an was für einem großartigen Projekt wir die ganze Zeit arbeiten. Denn das Zusammenwirken von Chor und Orchester ist beim Brahms-Requiem noch einmal etwas ganz anderes als bei Barockmusik à la Händel. Insofern ist es natürlich sehr bedauerlich, dass wir nur eine einzige Probe haben, um die Bereiche Chor, Solisten und Orchester zusammenzubringen. Das hat einfach finanzielle Gründe...
 
Gibt es besondere Erlebnisse der letzten Monate?
 
Ja: Das Benefizkonzert Anfang Februar in der Hauptkirche St. Katharinen war ein ganz besonderes Erlebnis. Ich bin sehr stolz auf die Schüler unserer Schule, ein so vielfältiges Programm an so einem besonderen Ort vor so vielen Zuhörern so gut erklingen zu lassen!
 
Was ist das Besondere am Veranstaltungsort?
 
Für das Brahms-Requiem haben wir ein 48-köpfiges Orchester engagiert. Ein so großes Orchester passt nicht in die Maria-Magdalenen-Kirche, wo wir den Messiah aufgeführt hatten. Durch die Vermittlung unseres Schulvereinsvorstandes, Jan Reichert, dürfen wir in der tollen Aula der Rudolf-Steiner-Schule Farmsen auftreten. Wer den Saal nicht kennt, sollte allein deshalb schon unbedingt kommen: Das Auditorium mit ca. 800 Plätzen ist wie in einem antiken Theater aufgeschichtet und die große, offene Bühne ist umgeben von baumartig sich auffächernden Säulen – fast wie bei Gaudi in Barcelona; nur alles mit roten Klinkersteinen. Die Farmsener (Wandsbeker) Steiner-Schule hat bei der Gründung der Bergedorfer Steiner-Schule vor gut 30 Jahren ganz entscheidend mitgewirkt. Die roten Pavillons erinnern noch an diese Unterstützung. Im Projektchor singt auch eine der Schulgründerinnen, Frau Angela Drewes, mit, die zuvor in der Wandsbeker Schule Lehrerin war.
 
Sollte man Musikerfahren sein, um das Konzert genießen zu können?
 
Es gibt zahlreiche Stellen in diesem Werk von Brahms, die jeder Mensch schon beim ersten Hören nicht nur mit Interesse, sondern mit innerer Bewegung hören wird. Allein die ersten fünf Minuten des 2. Satzes sind so unglaublich spannungsvoll, dass ich jetzt allein vom Erzählen am ganzen Körper Gänsehaut kriege. Das Orchester erinnert mich einerseits an Meereswellen, die sich immer weiter aufbauen und dann am Strand brechen (der Chor setzt auf dem Höhepunkt mit aller Wucht ein: Denn alles Fleisch es ist wie Gras), aber es gibt auch zart aufkeimende Pflanzentriebe, die in melodischen Linien zum Licht aufwärtsstreben, bevor sie wieder verwelken. Solche unmittelbar berührenden Phasen gibt es in allen 7 Sätzen. Ingesamt dauert das Konzert 75 – 80 Minuten. Auch für Kinder gibt es ganz viel mit den Ohren und den Augen zu beobachten. Die Pauke spielt oft eine wichtige Rolle, die Kontrabässe haben viel zu tun, die Harfe ist besonders am Ende im 1. und 7. Satz ganz deutlich zu hören usw.
 
Sind Sie aufgeregt?
 
Ja, sehr! Das Werk ist nicht leicht zu dirigieren. Es gibt zahlreiche Übergänge, in denen sich das Tempo schlagartig ändert. Ich muss zu allen ca. 150 Musikern (Sänger und Instrumentalisten) einen Draht haben, damit wir zusammenhalten. Und dafür habe ich nur eine einzige Probe, die Generalprobe am Freitag. Ich habe deshalb in der Partitur auf allen 192 Seiten farbige Markierungen eingetragen, um in der Aufregung des Konzertmoments nicht nur Noten vor den Augen schwimmen zu sehen, sondern stets die Orientierung zu behalten. Aber neben der Aufregung spüre ich auch ganz viel Vorfreude: Ich vermute, diese 75 Minuten Musik werden zu den intensivsten, konzentriertesten Momenten in meinem Musiklehrer-Leben zählen – und die Intensität mit so vielen Menschen auf der Bühne und im Publikum teilen zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes!
 
Das Gespräch führte Rebecca Bernstein