Temperament? Voll!
 

Temperament ? Voll!

Den Anhängern der Lehren von Hippokrates  haben wir einiges zu verdanken, unter anderem die Säftelehre und die damit verbundene Temperamentskunde, die ihnen um 400 vor Christus zur Krankheitsbildbestimmung diente. Dabei sind mit Säften keine Smoothies, sondern die Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle gemeint, die in der Reihenfolge den Temperamenten Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker und Choleriker zugeordnet wurden.  Stark vereinfacht konnte man Krankheiten auf einzelne Temperamente zurückführen:

Während der streitbare und zu Jähzorn neigende Choleriker mit Bluthochdruck zu kämpfen hat, ist das Problem eines Phlegmatikers eher das Übergewicht, beim Sanguiniker sind es die Knochenbrüche und der Melancholiker hat mit Depressionen zu kämpfen. Das medizinische Wissen der „Hippokratiker“ ist inzwischen überholt. Die Temperamentskunde hingegen ist durchaus interessant und lehrreich und nicht von der Hand zu weisen. Schließlich haben wir in den letzten Jahrzehnten ja auch so manche alte Weisheit wie TCM oder Yoga zu schätzen gelernt.

Sind laut Aussage der Hippokratiker alle vier Temperamente im Menschen zu gleichen Teilen vorhanden, ist der Mensch auch gesund. Nicht selten jedoch tritt eines davon besonders in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und beeinflusst nicht nur uns selbst stärker als gedacht, sondern auch die Menschen um uns.

Als Waldorfeltern kommen wir allein deswegen nicht um die Temperamentslehre herum, weil auch Steiner sie für seine pädagogischen Richtlinien entdeckte. Demnach wohnt das Temperament im Ätherleib (Bildekräfteleib), wo es sich zusammensetzt aus dem, was uns einerseits vererbt und dem, was uns aus anderen Leben mitgegeben wurde.
Wer von uns bisher dachte, die hohe Klassenschülerzahl trage in erster Linie zur Kostendeckung der Schule bei, erfährt nun den eigentlichen Grund: Eine hohe Schülerzahl garantiert das Vorhandensein aller Temperamente und damit ein ausgewogenes Miteinander.

Eigentlich keine schlechte Idee.

Und wenn man mal so überlegt, dann sollte das überall der Fall sein, in einer Schulklasse genauso wie in einer Mannschaft, einer Firmenabteilung oder einem Kollegium. Denn zu viele Temperamente ein und derselben Kategorie erinnern an ein krängendes Schiff, das unterzugehen droht.

Nur wenn Luftikus, Mauli, Faultier und Wüterich gleichsam an Entscheidungsprozessen beteiligt sind, kann ein konstruktives und lebbares Ergebnis erzielt werden. Einseitigkeit ist da unproduktiv:

Unter Cholerikern gibt es sicher schnelle Entscheidungen, das Ausdiskutieren der verschiedenen Standpunkte hingegen kann zu Grabenkämpfen und Ressentiments führen. Sanguinische Entscheidungen sind zwar kurz, flockig und schmerzlos, haben aber oft eine geringe Halbwertzeit. Im Gegensatz dazu führen melancholisch geprägte Betrachtungsweisen aufgrund der vielen Hindernisse, die es zu bedenken gilt, selten zu einem klaren Ergebnis und bei zu viel Phlegma mag gemütliche Gründlichkeit zu friedvollem Miteinander, weniger jedoch zum Ziel führen, im Gegenteil: eine Ergebnisfindung wäre da irgendwann schon wieder überholt.

Die Idee, in Klassen, Arbeitsteams und Gremien verstärkt auf die Konstellation der Temperamente zu achten, macht folglich Sinn. Wenn dann noch reflektiert und konstruktiv gearbeitet wird, erkennt auch ein Melancholiker, dass tiefgründige Fragen und Hindernis-Parcours bei schnellen Entscheidungen ein Ende haben müssen. Das beim Sanguiniker zuversichtliche, jedoch auch flüchtige Gedankengut können die Anderen wieder erden und der Choleriker erfährt durch seine Mitspieler, dass man auch in friedvollen Absprachen zu einem Ergebnis kommen kann, während der Phlegmatiker auf Druck gerne mal bereit ist, einen Zahn zuzulegen.

Wer vorhat, sich das Achtklassspiel "Das Haus der Temperamente" am 20. oder 21.4. (jeweils 19h) in der Hasseaula anzusehen, dem garantiere ich viel Spaß, nicht nur, weil es sich um eine Komödie handelt, sondern auch, weil man sich möglicherweise in manchem Satz und mancher Geste wieder finden wird.
Welche Erkenntnis das jedem einzelnen von uns letztendlich bringen kann, bleibt selbstverständlich offen.