2014 – Bergedorfer Jedermann
 

Der Jedermann – mal ganz anders 

 
Ein Theaterstück aus dem 19. Jahrhundert in altdeutschem Sprachversen und mit einem christlich-moralischen Ausgang inszeniert von Jugendlichen? Dieser „Jedermann“ musste einfach neugierig machen.
Gleich zu Beginn ahnte man, dass das Stück nicht dem Standard entsprechen würde: Das Publikum durfte sich auf Stuhlreihen verteilen, die zwischen vier Bühnen aufgeteilt waren. Man schlängelte sich vorbei an den bereits umher tänzelnden und Smalltalk haltenden Darstellern. Die Party des Jedermann schien bereits im vollen Gange. 
Dem christlich-moralischen Touch des Stückes wurde schon mal entgegengearbeitet mit Hilfe von orientalischen Kostümen der Buhlschaft, Perserteppichen und orientalischer Klangeinlage zu Beginn. Insgesamt drei Jedermänner stellten abwechselnd die gleiche Szene anders dar oder setzten sie fort. Warum drei? Ja, warum auch nur einer? Schließlich geht es hier um „jedermann“.
Ein Ensemble von insgesamt sieben Teufeln umschmeichelte und manipulierte den Jedermann nach allen Kräften der Kunst. Und als all das am Ende des Stückes nicht mehr fruchtete, stiegen die Teufel-Darsteller einfach aus ihren Rollen aus mit Sätzen wie „Mir reicht's“, „ich geh nach Hause“, „bringt ja sowieso nichts“. Konsequente Haltung, die ihre Lacher fand. Bei dem beeindruckenden Auftritt des Todes hingegen mit gewaltig tiefer Bassstimme und Maori-Tätowierung auf dem Oberkörper hätte man eine Stecknadel fallen hören können... 
Eine die Todesangst-Stimmung auflockernde Einlage lieferte die Szene des ratlos unglücklichen und sturzbetrunkenen Jedermanns und zwei ebenfalls hochprozentig abgefüllten Begleitern, gespielt mit herrlicher Komik, gekonnten Slapsticks und gutem Timing!
Überhaupt gelang eine ausgewogene Mischung aus der Vermittlung von Moral und ironischen Ausschmückungen, aufgelockert mit musikalischen Intros und Songs, die zum Teil gegensätzlicher nicht sein könnten (Ramsteins „Mutter“ und Schuberts „Heilig, heilig“). Alles natürlich „selbst gemacht“. 
Insgesamt eine spielfreudige Truppe mit intensiven Charakteren - von den Jedermännern über Gesell und Schuldknecht bis hin zu Teufeln, Glaube u. v. a. - und einer sprachlich wie räumlich beeindruckenden Choreographie. Ideenreich, originell und kurzweilig. Das war der Jedermann der zwölften Klasse. Großes Lob an den Regisseur und Theaterpädagogen Markus Lachmann, der mit viel Feingefühl die Klasse in eine Zusammenarbeit und damit zu dieser großartigen schauspielerischen Leistung gebracht hat.
 
Ulrike Keyhani