Bio?Logisch!
 

Bio? Logisch!

Was ist so besonders an Demeter? Was können wir ernährungsmäßig beachten? Was sollten wir wissen über Gentechnik? Einige dieser Fragen kann Euch dieses Interview beantworten.

NL: Thomas, ihr ward Eltern an unserer Schule und seid auch Waldorfcard-Partner mit dem Gemüse-Kisten-Abo (Hinweis der Redaktion: Wer Abo-Kunde ist und bei Sannmann bis jetzt noch nicht gesagt hat, dass er Waldorfcard-Unterstützer ist, wird kräftig darauf hingewiesen dies zu tun). Wie seid ihr dazu gekommen, Demeterbetrieb zu werden?
 

Thomas Sannmann: Als ausgebildeter Landwirt wollte ich mich im elterlichen Betrieb einbringen, habe mich mit den biologischen Anbaumethoden beschäftigt und bin eher per Zufall mit der biologisch-dynamischen Anbauweise in Kontakt gekommen. Dort habe ich erst mal erfahren, wie ganzheitlich Landwirtschaft betrachtet wird. Das war ein bedeutender Impuls für mein Leben. 1986 wurden wir dann biologisch-dynamischer Umstellungsbetrieb und 1992 offizieller von Demeter anerkannter Betrieb - der Organisation, die sozusagen in dem Bereich den TÜV spielt,
 
NL: …die prüfen allerdings jährlich, oder?
 
Thomas Sannmann: Ja, das stimmt.
 
NL: Karsten, ihr seid ebenfalls Eltern an der Waldorfschule. Wie seid ihr dazu gekommen, Demeterbetrieb zu werden?
 
Karsten Hildebrandt: Der Buschberghof wird schon seit 1954 biologisch-dynamisch bewirtschaftet. Johanna ist auf einem Demeter Obstbaubetrieb groß geworden, ich habe damals Zivildienst auf dem Buschberghof gemacht. Später sind wir beide nach Fuhlenhagen auf den Buschberghof zurückgekehrt.
 
NL: Welche Besonderheit hat es auf sich mit dem Buschberghof?
 
 
Karsten Hildebrandt: Das ist eine lange Geschichte, nachzulesen auf unserer Internetseite. Der Buschberghof wurde 1968 in Fuhlenhagen als Modellbetrieb entwickelt, bei dem Grund und Boden nicht beliehen werden und eine biologisch-dynamische Bewirtschaftung unabhängig von Personen dauerhaft gewährleistet sein sollte. Familie Loss stellte damals ihren bereits nach Demeter-Vorgaben betriebenen Hof als Geschenk zur Verfügung, zwei weitere Familien kamen mit ihrem Vermögen dazu. Das Modell wurde finanziert von der GLS. 1988 wurde daraus die Landwirtschaftliche Arbeitsgemeinschaft gegründet, bei der 60 Mitglieder eine Bürgschaft übernahmen und einen Anteil erwarben. Eine Genossenschaft im herkömmlichen Sinn ist es allerdings nicht.
 
Demeter ist ganzheitlich und steht in Beziehung zu allem, einschließlich uns Menschen

NL: Welchen Unterschied gibt es zwischen Demeter im Speziellen und Biokost im Allgemeinen?
 
Thomas Sannmann: Bei Demeter guckt man nicht nur auf Boden und Pflanze. Es ist ganzheitlich: Die Landwirtschaft steht in Beziehung zu allem, den Menschen, Tieren, Pflanzen, der Sonne, dem Jahreslauf, den Mondphasen einschließlich dem Wirken der kosmischen Strahlung, der Planetenkonstellationen, … All das wirkt sich auf Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen aus.
 
NL: Woran orientieren sich Landwirte biologisch-dynamischer Höfe?
 
Thomas Sannmann: Wann bestimmte Pflanzen am besten ausgesät, gepflegt, geerntet und gelagert werden sollten, findet man beispielsweise im jährlich erscheinenden Aussaat-Kalender der Maria Thun. Studien haben erwiesen, dass man damit Ernte und Haltbarkeit bis zu 26% verbessern kann. Außerdem gibt es biologisch-dynamische Heilmittel wie Hornkiesel oder das Kuhhornpräparat, die dem Boden und dem Mist zugeführt werden und ihn harmonisieren.
 
NL: Hört sich alles spannend an, aber nicht jeder glaubt an kosmische Strahlung, die die Ernte beeinflusst.
Thomas Sannmann: Es ist wichtig, dass man sich damit verbindet, auseinandersetzt und eine Beziehung aufbaut.

Konventionelle Betriebe entdecken für sich die Bioschiene als weiteres Geschäftsmodell

NL: Warum ist Demeter-Kost so erheblich teurer als Bio aus dem Discounter?
 
Karsten Hildebrandt: Da muss man andersherum fragen: Warum kann Supermarkt-Bio so billig sein, wenn doch die Erträge niedriger sind und der Arbeitsaufwand höher ist als bei konventionellen Betrieben? Die Bewirtschaftungsrichtlinien der Anbauverbände wie Bioland und Demeter haben in vielen Bereichen höhere und strengere Auflagen als es bei den EU-Richtlinien der Fall ist. Das sind zum Teil Einschränkungen, die die Produktionskosten erhöhen. Der Demeterverband schreibt zusätzlich die Anwendung der biologisch-dynamischen Spritz- und Kompostpräparate vor, von denen Thomas bereits erzählt hat. Das bedeutet Mehrarbeit. Anderes Beispiel: die Kühe müssen ihre Hörner behalten, was auf jeden Fall wichtig ist! Das erfordert aber mehr Stallplatz, damit die Tiere sich aus dem Weg gehen können und sich nicht verletzen. Da gibt es noch unzählige Beispiele. Discounterprodukte sind häufig auch nicht regionalen Ursprungs, sondern stammen aus Ländern wie Rumänien oder dem Baltikum, wo, ich sage mal, nicht alles so kontrollierbar ist wie hier bei uns. Und konventionelle Produktionsbetriebe wie Wiesenhof, der zu den größten Geflügelproduzenten in Deutschland gehört, entdecken für sich die Bioschiene als weiteres Geschäftsmodell. Die Authentizität spielt da aber eher eine untergeordnete Rolle.
 
NL: Also ist der günstige Preis nicht zu rechtfertigen?
 
Karsten Hildebrandt: Es geht ja nicht nur um die eigentlich "treuhänderisch" ausgeführte Lebensmittelproduktion, sondern genauso um Naturschutz und Landschaftspflege, Artenschutz usw.
 
Thomas Sannmann: Wenn wir am Tag der offenen Tür durch unsere Gärtnerei führen, sehen die Leute, wie viel Arbeit und Liebe im Anbau unserer Produkte steckt. Die damit verbundene Handarbeit und Pflege fordert auch erheblich höhere Arbeitskosten. Unsere Tiere beispielsweise werden nicht gehalten, um Fleisch zu produzieren, sondern damit wir mit dem Mist unsere Felder düngen.
 
NL: Zeit- und arbeitsintensiv…
 
Thomas Sannmann: Demeter-Betriebe sind darauf ausgerichtet, nachhaltig zu arbeiten und einer Vielfalt an Insekten, Vögeln und anderen Lebewesen Raum zu geben, die ein natürliches Gleichgewicht schaffen, in dem Anbau und Ernte gut gedeihen können.
 
NL: Aber verdienen muss jeder. Wie macht ihr das?
 
Thomas Sannmann: Wir haben die Abo-Gemüsekiste bei uns aufgebaut, um eine Verbindung zwischen den Menschen in der Stadt und unserer Gärtnerei zu schaffen und so direkt vom Gärtner Gemüse beziehen kann. Außerdem haben wir einen Hofladen, der jeden Sa von 10-15 Uhr geöffnet hat.

Gentechnik ist deshalb so gefährlich, weil sie nicht mehr rückholbar ist

NL: Du engagierst dich gegen die Gentechnik?
 
Thomas Sannmann: Ja, Gentechnik ist gefährlich, das wissen wir spätestens, seit Prof. Arpad Pusztai über seine Beobachtungen bei den Genversuchen mit Ratten öffentlich berichtete und deshalb von Gentechnik abriet. Denn er stellte signifikante Veränderungen in den Organen und bei der Fortpflanzung der Versuchstiere fest. Gentechnik ist deshalb so gefährlich, weil sie nicht mehr rückholbar ist. Sie verändert nicht nur unsere Pflanzen- und Tierwelt, es hat auch ungeahnte Konsequenzen, wenn wir gentechnisch veränderte Produkte essen.
 
NL: Warum konnten sich die Studienergebnisse von Prof. Pusztai nicht etablieren?
 
Thomas Sannmann: Seine Arbeitgeber haben ihn auf Druck der Geld gebenden Konzerne gefeuert. Seine Ergebnisse wurden unter den Tisch gekehrt.
 
NL: Was tust du konkret gegen Gentechnik?
 
Thomas Sannmann: Wir haben die Initiative „gentechnikfreie Metropolregion Hamburg“ gegründet, machen mit Veranstaltungen wie der Pflanzaktion von gentechnikfreien Bantam-Mais im Frühjahr aufmerksam und informieren auf Veranstaltungen auch Landwirte mit herkömmlichen Landwirtschaftsbetrieben.
 
NL: Was ist das Ziel eurer Initiative?
 
Thomas Sannmann: Wie der Name sagt, kämpfen wir dafür, dass diese Region in und um Hamburg gentechnikfrei bleiben soll, aber es ist ein mühsamer Kampf, weil die Politiker eher beeinflusst sind von der Agrarkonzernlobby. Dahinter stehen Banken und Geldgeber, die in der Patentierung von Samen mit Gentechnik ein großes Geschäft sehen, damit aber die Unabhängigkeit vieler Betriebe, gerade auch in der dritten Welt und den Schwellenländern unterwandern und die Lebensgrundlage der Menschen vernichten.
 
NL: Bei 7 Milliarden Menschen nimmt der Welthunger aber zu. Mit biologisch-dynamischen Höfen allein ist das wahrscheinlich nicht mehr zu bewältigen…
 
Thomas Sannmann: Gentechnik ist auf jeden Fall nicht die Lösung für den Hunger auf der Welt – das ist viel mehr ein Verteilungsproblem. Gentechnik verstärkt die Abhängigkeiten und die Landzerstörung durch Monokulturen.
 
NL: Immerhin wird Gentechnik doch gekennzeichnet.
 
Thomas Sannmann: Das stimmt nicht ganz. Nur Gemüse und Obst. Produkte, in denen Anteile davon mit verwendet werden und alle tierischen Erzeugnisse wie Milch, Käse und Fleisch, die müssen nicht gekennzeichnet sein. Das ist eine Gesetzeslücke und die wird reichlich verwendet – das wissen die meisten gar nicht.
 
NL: Eine schleichende Gefahr. Da ist eure Initiative wohl eher ein Tropfen auf dem heißen Stein?
 
Thomas Sannmann: Es ist eine lange und mühsame Arbeit, die aber erste Erfolge zeigt: Der US-Konzern und Gen-Hersteller „Monsanto“ hat sich zum Geschäftsziel erklärt, dass 2010 überall in Europa Genmais steht. Das haben sie aufgrund des hohen Widerstandes besonders in Deutschland nicht erreicht.
 
NL: Wie kann jeder Einzelne von uns helfen?
 
Thomas Sannmann: Jeder Mensch, der das thematisiert, es kommuniziert oder bemüht gentechnikfrei einkauft, zumindest im Geschäft nachfragt, der sorgt dafür, dass wir in diesem Land weiter wachsam bleiben.

Der Weg, den wir eingeschlagen haben, erscheint uns heute noch viel richtiger als vor 20 Jahren

NL: Gibt es etwas, das ihr rückblickend anders machen würdet?

Karsten Hildebrandt: Nein, zumindest die großen Entscheidungen würden wir wieder so treffen. Im Gegenteil: Der Weg, den wir eingeschlagen haben, erscheint uns heute noch viel richtiger als vor 20 Jahren. Das wird auch durch die Nachfrage von unseren Kunden bzw. Mitgliedern und anderen Höfen bestätigt.
 
NL: Wie sehen/ sahen eure Kinder das Leben auf dem Buschberghof fernab von – sagen wir mal – dem Rest der Welt?
 
Karsten Hildebrandt: Sie genießen bzw. genossen das Leben auf dem Land mit den vielen Möglichkeiten, beispielsweise Pferde zu halten, eigene gute Lebensmittel zu essen, Landwirtschaft zu erleben, wie sie im eigentlichen Sinne funktioniert.
Aber sie erleiden auch den täglich weiten Weg zur Schule (RSS Bergedorf, die Redaktion), den dadurch schwierigen Kontakt zu Freunden und den weiten Weg zu Kultur und anderen Aktivitäten.
 
NL: Und hättest du rückblickend etwas anders gemacht gemacht?
 
Thomas Sannmann: Das ist schwer zu sagen. Man trifft ja immer aus der jeweiligen Lebenslage, aus den Umständen heraus, seine Entscheidung. Unsere war es, ein biologisch-dynamischer Betrieb zu werden. Das hat uns viel Arbeit und damit auch viel Freizeit gekostet, unsere Lebensqualität etwas eingeschränkt, aber anders wäre das, was wir aufgebaut haben, auch nicht entstanden. Und damit leisten wir irgendwie ja auch einen Beitrag für die Natur, das Leben im Allgemeinen.

NL: Vielen Dank Euch für das Gespräch!
 

Zur Info:

Das nächste Treffen der Initiative "Gentechnikfreie Metropolregion Hamburg"
findet am 17. Oktober um 19 Uhr im Tatenberger Fährhaus (Vier-und Marschlanden)
am Tatenberger Deich 162 statt.
Interessierte und Engagierte sind immer sehr herzlich willkommen!