buermann
 

Im Datenrausch…

Warum Medien-Workshops für Eltern und für Schüler auch und besonders an unserer Schule schon ab Klasse 4 Sinn machen…
 
Uwe Buermann, selbst Vater von zwei Kindern, ist Mitarbeiter bei IPSUM (Institut für Pädagogik,
Sinnes- und Medienökologie), freier Vortragsredner und Autor zahlreicher Bücher und Fachartikel.
 
Vor Kurzem hatte er einen Vortragsabend für die Klassen 7 und 8 bei uns an der Schule gehalten. Die Newsletter-Redaktion sprach mit ihm.

Redaktion Newsletter (NL): Herr Buermann, ist das Internet ein schlechtes Medium, vor dem
wir unsere Kinder schützen müssen?
Uwe Buermann (UB): Es gibt kein schlechtes oder gutes Internet. Die Frage lautet eher, welche
Fähigkeiten muss ich mitbringen, um das Internet sinnvoll nutzen zu können, um richtig damit
umzugehen?
 
Der Internet-Deal: deine Daten gegen meine Dienstleistung
 
NL: Gehen wir also verkehrt um mit dem Internet?
UB: Da haben sich zumindest Denkfehler eingeschlichen, wie solche, dass es angeblich Privatsphäre im Internet gibt. Der andere ist, dass das Internet kostenlos ist. Die Hard- und Software, Personal- und Betriebskosten der Provider müssen ja irgendwie beglichen werden.
Hier gibt es einen Tausch: Deine Daten gegen meine Dienstleistung.
NL: Klingt fair.
UB: Ja, zunächst schon. Inzwischen haben die Konzerne technisch und rechtlich allerdings einen
Weg gefunden, wie sie sämtliche Infos der User zu Geld machen können, indem sie sie an
Konzerne verkaufen. Denn mit breit gestreuter Werbung wie im Fernsehen erreicht man heute
nicht mehr viel. Das Internet ist so interessant für die Wirtschaft, weil es individualisierbar, die
Trefferquote höher ist, die richtige Zielgruppe zu erreichen. Es gibt heutzutage keinen GMX-User
mehr mit der gleichen Startseite.
NL: Wieso ist das so schlimm?
UB: Das ist in erster Linie ein pädagogisches Problem. Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren
haben noch keine gefestigte Meinung, und das ist auch das Vorrecht der Pubertät. Als Jugendlicher
muss ich mich erst finden, will mich abgrenzen von Eltern und Schule, und meine Meinung
wechselt von heute auf morgen.
Das setzt voraus, dass ich neue Impulse bekomme, das individualisierte Internet verhindert diese
Strategie und engt den Horizont des Users auf seine momentanen Bedürfnisse und Interessen ein.
Alles andere blendet das Internet aus. Der Blick auf das zufällige Ganze geht verloren. Das führt zu
Einseitigkeit. Aber nur durch Zufälligkeit erfahre ich Anreize.
 
Wer spielsüchtig ist, erhält keine Therapie-Anzeigen, sondern weitere Spielangebote
 
NL: Gut, aber ist das die ganze Gefahr?
UB: Dann haben wir noch ein moralisches Problem. Google beispielsweise registriert bei Nutzern
sämtliche Vorgänge, was sie machen, was sie interessiert, alles wird gespeichert, analysiert und an
interessierte Konzerne weitergegeben, die das für sich nutzen. Jemand, der für seinen Urlaub googelt, erhält plötzlich Emails mit Reiseangeboten. Das ist nicht das Problem, aber im extremsten Fall heißt das, dass, wer spielsüchtig ist, bestimmt keine Therapietreffen angeboten bekommt,…
NL:…sondern weitere Online-Spiele.
UB: Genau, und das geht auch in andere Bereiche, weil im Vordergrund das Geld und eben nicht
das Individuum steht.
NL: So funktioniert nun mal Kapitalismus…
UB: Ja, aber hier haben wir das moralische Dilemma: Pornoringe könnten mit einem Klick vernichtet werden, aber Facebook, Google & Co. sind nicht bereit, die IP-Adressen solcher Kunden auszuliefern, wirtschaftliche Interessen gehen da vor Jugend- und Kinderschutz.
Das BKA hat seinen Staatstrojaner – der ist – zu Recht - nach deutscher Verfassung verboten. Aber Google und Facebook genießen da Narrenfreiheit. Das ist ein Ungleichgewicht. Lesen Sie doch mal die Nutzungsbedingungen von Facebook, §2, Absatz 1. Da übertragen Sie Facebook die Nutzungsrechte Ihrer gesamten Inhalte, jedes Bildes.
NL: Und was sollen wir da tun?
UB
: Ein Zeichen setzen. Vielleicht kommt es irgendwann auch dazu, dass die User-Gemeinschaft
soziale Netzwerke wie Facebook und Google+ da mal unter Druck setzt. Für jeden Einzelnen gilt erst einmal, dass man die Konsequenzen kennen und abschätzen können muss.
NL: Ich denke, das tun wir doch schon.
 
Das Internet vergisst nicht – und jeder Personalchef weiß das
 
UB: Ja, vielleicht, aber das kann kein 11- und auch kein 14jähriger. Hinzu kommt: Das Internet
vergisst nicht. Mit den Konsequenzen, was man so im Internet getrieben hat, werden momentan
am härtesten die Jahrgänge 1990 bis 1997 konfrontiert.
Peinlich ist natürlich relativ, wichtig ist, wenn man sich bewirbt, was da der Personalchef als No-Go
betrachtet. Aufgrund des öffentlichen Cyber-Fehltritts wird man bereits aussortiert, bevor es
überhaupt zu einem Gespräch kommt, in dem man dazu Stellung nehmen könnte. Leider können
auch Namensvettern schon für desaströse Folgen sorgen.
NL: Ist das überhaupt erlaubt, dass Personalchefs sich auf diese Weise Informationen über ihre
Bewerber einholen?
UB: Es gibt ein Gesetz, das Internetrecherche verbietet, aber das bringt nicht viel, weil natürlich kein Personalchef zugeben würde, auf diese Weise Daten einzuholen. Jeder sollte wissen, was erscheint, wenn er seinen Namen recherchiert. Da könnte sich ja auch ein positives Bild ergeben, zum Beispiel jemand, der sich im Sportverein oder anderswo engagiert, der zeugt von sozialer Kompetenz.
NL: Warum sind in erster Linie die Jahrgänge bis 97 betroffen?
UB: Weil es davor diese Form der Recherche nicht gegeben hat und es nach 97 egal ist, weil dann
höchst wahrscheinlich 100 Prozent der Bewerber Cyber-Leichen im Keller haben.
NL: Wie kann man also das Internet sinnvoll nutzen?
UB: Indem man das Internet in erster Linie als Textmedium nutzt. Das setzt Lesewilligkeit voraus.
 
Wir Eltern brauchen eine eindeutige Haltung zu den modernen Medien
 
NL: Aber mal ehrlich, Filme gucken bei Youtube und Shoppen bei Ebay oder Amazon, das gehört
doch inzwischen schon ein wenig zur Normalität?
UB: Es braucht aufrechtes Interesse an irgendetwas - außer Chillen und Daddeln - dann ist das
Internet ein sinnvolles und überaus wichtiges Medium, das so Erstaunliches auslöst wie den
arabischen Frühling. Nur, mal ehrlich, wir erinnern uns noch, wie wir selbst mit 14, 15 waren.
Welcher 14jährige hat 365 Tage im Jahr ein aufrechtes Interesse? Für gewisse Hobbies, einen
Aufsatz, der wichtig ist. Aber: Was ist an den anderen Tagen?
Surfen und Blödsinn machen, da wird nicht über die Konsequenz nachgedacht. Das Problem beim
Internet ist eben nur: Der Blödsinn steht morgen immer noch da drin.
Im Moment hinkt die Justiz dem Ganzen noch fürchterlich hinterher, aber irgendwann wird so etwas
juristisch relevant. Und wir müssen uns auch klar machen, dass auch Kinderschutzsoftware nicht
lange hilft: Machen wir uns nichts vor, unsere Kinder sind versierter als wir Eltern, und es gibt
Millionen krimineller Anbieter und User, Viren etc.
Man kann einfach niemanden vor fragwürdigen Inhalten schützen. Ein 14jähriger kann rein
entwicklungspsychologisch betrachtet die Konsequenzen seines Handelns nicht überblicken, auch
nicht das, was altersgemäß ist.
NL: Aber wir können unseren Kindern doch nicht das Internet geschweige denn Facebook und Co.
verbieten, und selbst wenn wir das täten, dann würden sie eine Möglichkeit finden, zum Beispiel
bei Freund oder Freundin sich mit falscher Identität einzuloggen!
UB: Stimmt, aber sie wüssten, dass sie etwas machen, dass die Eltern nicht tolerieren. Das macht
einen Unterschied. Sie tun es heimlich mit vollem Bewusstsein, aber so ganz wohl fühlen sie sich
dabei nicht. Und auch wenn unsere Entscheidung unseren Kindern nicht passt, spüren sie, dass uns
nicht egal ist, was sie machen.
NL: Natürlich ist es uns nicht egal…
UB: Klar, aber es ist wichtig, dass wir als Erzieher eine eindeutige Haltung zu den modernen
Medien entwickeln und nicht, weil wir uns selbst nicht damit auskennen, die Kinder mal einfach
machen lassen und hoffen, dass es schon schief gehen wird.
NL: Also am besten doch zurück in die Steinzeit?
UB: Nein, es geht darum, welche Fähigkeit es braucht, nämlich seelisch moralische Reife, um das Internet zu nutzen. Ob pornografische oder extremistische Propaganda-Inhalte, die Frage ist, lasse ich mich dadurch beeinflussen? Zum Beispiel gibt es für das Attentat „9/11“ gute und sachliche Inhalte, aber auch Verschwörungstheorien. Ein engagierter Jugendlicher läuft Gefahr, dass er auch die fragwürdigen Inhalte übernimmt.
NL: Nun, das passiert ja sogar Erwachsenen.
UB: Genau. Und über deren seelisch moralische Reife wollen wir hier nicht reden.
NL: Was also tun?
UB: Auch wenn es uns nicht passt, wir müssen begreifen, dass das Medium Internet für Kinder nicht geeignet ist, und zwar gerade, weil sie Kinder sind und weil sie damit überfordert sind. Wenn schon Internetzugang, dann begleitet.
 
Die Küche: Idealer Ort für Computer
 
NL: Wir sollen also direkt dahinter stehen?
UB: Am Anfang wäre das gut. Später natürlich nicht, aber der Computer mit Internetzugang sollte nicht jederzeit, sondern nach Absprache genutzt werden, zum Beispiel bei Recherche für einen Aufsatz. Außerdem sollte der Computer in einem der Familie öffentlich zugängigen Raum stehen, wobei der Flur oder die Küche gute Plätze darstellen, danach kommt das Wohnzimmer. Auf jeden
Fall nicht im eigenen Zimmer.
NL: Für viele Eltern kommt dieser gute Ratschlag zu spät. Was halten Sie von Aufklärungs-Workshops an den Schulen nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Eltern?
UB: Das halte ich für sehr effektiv und sinnvoll, aber dann am besten schon in Klasse 4. Für Klasse 7 und 8 ist es bereits etwas spät.
NL: Mit den Möglichkeiten des WWW sind viele Eltern überfordert.
UB: Die Entwicklung ist rasant schnell, Facebook gibt es seit 2008, inzwischen hat es über 500 Millionen Mitglieder, Study VZ oder Schüler VZ ist heute kein Thema mehr.
NL: Und morgen gibt’s schon wieder etwas anderes, und wir sollen uns am besten mit allem auskennen.
UB: Nicht auskennen, aber einigermaßen informiert bleiben. Wir Eltern müssen begreifen, dass die
Erziehungspflicht nicht am Rande der Realität aufhört, sondern auch in der Virtualität besteht. Ein Profil im Internet ist ein weltöffentlicher Auftritt und daher müssen Eltern bei Minderjährigen Kenntnis von der Art ihres Profils haben. Es handelt sich hier nicht um die Privatsphäre des Kindes.
NL: Was ist mit einem eigenen Rechner?
UB
: Ja, ein super Geschenk für den 18. Geburtstag. Da kann man dann auch sagen: Du bist groß,
gehe hinaus in die weite Welt...
NL: … im wahrsten Sinne des Wortes: Geh ins World Wide Web. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Buermann!
 
Das Interview moderierte Ulrike Keyhani.
 
Weitere Infos unter:
www.ipsum-institut.de
www.netzdurchblick.de/medienkompetenz.html
„Check dein Profil, bevor es andere tun“
 
Eure Gedanken, Meinungen und Erfahrungen veröffentlichen wir gerne im nächsten Newsletter, namentlich oder anonym, wenn gewünscht. news@waldorf-bergedorf.de
 
Wie Personalchefs nach dem virtuellen Leben eines Bewerbers suchen:
  • 1. Schritt: Eingabe des vollen Namens einer bestimmten Person bei www.123people.de.
  • 2. Schritt: Eingabe aller bekannten Email-Adressen der Person in Google (hierzu gehört die in der Bewerbung angegebene Emailadresse genauso wie all jene, die bei 123people gefunden wurden)
  • 3. Schritt: Wenn bei Schritt 2 "Nicknames" gefunden werden, Eingabe der Nicknames bei Google. Gegebenenfalls kommt die gezielte Suche bei SchülerVZ und StudiVZ hinzu, dies setzt eine Mitgliedschaft voraus.