NL Kolumne
 

Der Countdown läuft

 
 
Und hier der Text zum Nachlesen:

 

Der Countdown läuft…

Für den Basarkreis ist es wie jedes Jahr eine Nervosität, wie man sie beruflich vor Präsentationen kennt: Wird alles glatt laufen? Wo sind noch Schwachstellen? Haben wir an alles gedacht? Sind alle informiert?

Für viele Eltern gilt das Gleiche, besonders für diejenigen, die freiwillig die Organisation in ihrer Klasse übernommen haben. Darunter auch diejenigen, die die Organisation übernommen haben, weil sich sonst kein anderer gemeldet hat. Vereinzelt hört man es leise murren, dass es „immer dieselben“ seien. Auch das kennt man. Gerade in den höheren Klassen gleicht der Enthusiasmus für den Basar einem Drehkreisel auf seinen letzten „eierigen“ Bahnen. Ein Teil der Eltern ist zusätzlich in Unterstufenklassen beschäftigt, andere haben das jahrelang exerziert und befinden sich nun in der Phase, in der sie sich mal ein wenig zurücklehnen und sagen: Lass auch mal die anderen ran. Die Auswahl geht gegen Null. Aber immerhin: Am Basartag finden sich fast alle ein.

 

Ein Heer von Freiwilligen, die eigentlich soviel anderes zu tun haben

 

Auf den letzten Drücker. Das klappt doch nie!!!! Natürlich klappt es. Wieso eigentlich? Sind wir ein Beweis dafür, dass aus dem Chaos immer etwas entsteht? Kreatives wie Produktives? Könnte man als politische Aussage nehmen… Ein Heer von mehr oder weniger Freiwilligen, die eigentlich soviel anderes zu tun haben, und es doch irgendwie auf die Reihe bekommen, den Basar zu organisieren. Den Basar, der häufig als weitere lästige Pflicht angesehen wird. Was passiert eigentlich mit dem Geld, das eingenommen wird? Keine Ahnung? Spielgeräte? Schultafel? Geht das unsere Klasse an? Nicht? Warum muss ich da überhaupt mitmachen? Aber man tut’s. Genauso, wie wir Steuern zahlen oder unsere pubertären Kinder zu Ende erziehen. Es ist das große Seufzen, bevor man in die Hände spuckt und anpackt.

Denn wir wissen ja, ohne unsere Mithilfe geht es nicht. So einfach ist die Erkenntnis. Und dann kommt er, der große Tag…

 

THW sollte seine Spitzenkräfte für Katastrophenschutzmaßnahmen bei uns rekrutieren

 

Aufregung, Einstimmung. Etwas vergessen? Anderen Bescheid sagen. Gott sei Dank bin ich nicht allein, einer ist immer da, der einspringt, aushilft, eine Besorgung macht. Und unsere Kinder, die wachsen da hinein. Alles „original Waldorf“: vom Vorbild lernen (in diesem Fall die Eltern), und „learning by doing“ (für Schüler ab Klasse 5 oder sogar früher).

Wenn man es vorher nicht war, spätestens am Basar wird man zum Profi, was blitzschnelle Organisation angeht. THW sollte seine Spitzenkräfte für Katastrophenschutzmaßnahmen bei uns rekrutieren. Ganz zu schweigen von den Mengen an Lebkuchen-, Pizza- und Waffelteigen, die man als echte Waldorf-Mutter bzw. echter Waldorf-Vater bereits im Schlaf anrühren kann.

Manche müssen absagen, weil ausgerechnet am Basar der 80. Geburtstag der Omi gefeiert wird. Ganz klar, dass das vorgeht, da kann man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen. Und dann gibt es diejenigen, die es wie jedes Jahr schaffen, sich da herauszuhalten. Irgendwie schade, denn sie verpassen eine Menge Spaß, den man erstaunlicher Weise bei der ganzen Aufregung und Arbeit hat.

 

Die Energie, die am Basar frei wird, könnte für ein Jahr Stromerzeugung reichen

 

Wer einmal einen guten Querschnitt der Berufe haben will, muss nur durch die Klassenräume am Basartag gehen: Künstler, Handwerker, Ärzte und Anwälte stehen da neben Pädagogen, Ingenieuren, Kreativen und Managern in trauter Gemeinsamkeit, weiblich wie männlich, hochkonzentriert oder herumalbernd mit oder ohne Küchenschürze, je nach Arbeitslage. Sie stehen da in harmonischer Eintracht mit ihren Kindern (was auch nicht selbstverständlich ist) und verkaufen Kuchen oder Suppen, schäumen Milch, kochen Kaffee, backen Waffeln.

Diese pulsierende Energie – ein wahres Kraftwerk! Gäbe es eine solche Technik zur Stromgewinnung, jede Waldorfschule könnte die frei gewordene Energie auf dem Schulbasar speichern und damit garantiert ein Jahr lang Strom erzeugen.

 

Eine Kakophonie aus allem, was der Basar an Geräuschen hergibt

 

Auf den Gängen flitzen aufgeregte Unterstufenklässler an einem vorbei, Umarmungen unter Menschen, die auf dem Basar eine Art Wiedersehen feiern. Übrigens habe ich bisher noch keinen Streit beobachten können. Man gibt sich Mühe, auch wenn man aufgeregt, unausgeschlafen oder – wie zur friedvollen Weihnachtszeit üblich - doppelt gestresst ist. Und dann lässt sich etwas Merkwürdiges beobachten: Da fällt der Stress im Laufe des Basartages von einem ab und dann schwebt man durch die Räume, findet sich draußen wieder. Es steigt einem der Punschduft in die Nase, man hört das Dängeln der Schmiede und die Christmas-Carols der Blechbläser - eine Kakophonie aus allem, was der Basar an Geräuschen hergibt und in die man sich mit geschlossenen Augen fallen lassen möchte. Jetzt hat sie begonnen, die Zeit vor Weihnachten.

 

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