2017 – Hexenjagd
 

Hexenjagd von Arthur Miller

„Theater ist die Kunst des Dialogs“

 

Ein Gespräch mit Marcus Lachmann über die Probenarbeiten zum Klassenspiel „Hexenjagd“ 

 

Die 12. Klasse hat sich für Arthur Millers „Hexenjagd“ entschieden. Warum? 

 

Das Bedürfnis, inhaltlich sein zu wollen, lebt ganz stark in den Jugendlichen. Noch vor 10 stand der Wunsch, etwas Witziges, Lustiges zu zeigen, viel mehr im Vordergrund. Wir Erwachsenen haben die Welt aber mittlerweile an einen ziemlich blöden Punkt gebracht und die Jugendlichen haben das Gefühl, dass sie wacher sein müssen, wenn sie etwas ändern wollen. Ein wesentliches Bedürfnis in der Klasse war es, einen Stoff zu haben, der betroffen macht,  wachrüttelt, schockiert. 

 

Ich persönlich hätte nicht ganz so ein düsteres und brutales Stück ausgesucht. Die Klasse ist ja eine unglaublich fröhliche. Und eine sehr junge, im Sinne des fast noch kindhaften. Im Klassenspiel sehe ich mich aber nicht als Regisseur, sondern als Spielleiter. Ich bin gar nicht so wichtig. Ich unterstütze die Schüler darin, ihre Gedanken zusammenzubringen. Das sind in diesem Fall 31 Individuen, 31 verschiedene Gedanken. 

 

In diesem Prozess hat sich die Klasse schließlich für die „Hexenjagd“ entschieden. Ein bisschen ist das wohl beeinflusst durch den Wunsch zu zeigen, dass eine lustige Klasse auch eine andere Seite haben kann. Außerdem hat diese Klasse eine ganz große Lust zur Emotionalität. Wo man in anderen Klassen noch daran arbeiten muss, dass die Schüler sich öffnen, ist das bei denen überhaupt kein Punkt. 

 

 

Arthur Miller hat mit Hexenjagd ja einen historischen Fall vor dem Hintergrund der Kommunistenjagd in der McCarthy-Ära aufgegriffen. Wie bringt ihr das Stück im Jahr 2017 auf die Bühne? 

 

Schon in der Projektwoche gab es in der Klasse bei allen Stücken, die zur Auswahl standen, das Bedürfnis, einen Rahmen zu schaffen. Als dann die Wahl auf Millers Hexenjagd fiel, war die Idee einer Rahmenhandlung deshalb sozusagen schon gesetzt. Dahinter steckt das Bedürfnis, eine Brücke zu schlagen zwischen dem Fall damals und  heute. Nun hat das Stück aber eine erschreckende Relevanz bekommen. Durch Trump, durch die AFD, durch Pegida ist das Stück gerade besonders aktuell. 

 

In der Arbeit mit dem Stück in Endeholz haben die Schüler dann festgestellt, dass sich die Aktualität automatisch herstellt, wenn das Stück in seiner Zeitlosigkeit präsentiert wird. Das Stück reicht, um im Hier und Jetzt zu sein, es braucht keinen Rahmen. Als Erkenntnisprozess für die Klasse war das spannend. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Miller chronologisch erzählt. Bei ihm Das endet das Stück mit dem Prozess, mit der Gefangenschaft der Hauptfiguren, ihrer Verurteilung und der Hinrichtung. Bei uns bildet der Prozess den Rahmen und findet in der Aula und nicht auf der Bühne statt, die Agierenden sitzen zwischen den Zuschauern.

 

 

Wo seid ihr im Proben-Prozess?

 

Im Moment sind wir am Krisenmanagement. Auch das ist ja immer wieder ein ganz wesentlicher Teil der Klassenspielarbeit, zu lernen, mit Unwägbarkeiten umzugehen. Zu begreifen, dass es notwendig ist, Pläne zu machen, um sie notfalls zu ändern oder umzuschmeißen. Das lernen wir im Moment ganz stark, so dass wir jeden Tag neu gucken müssen, wie viel Zeit haben wir noch, was haben wir geschafft, was müssen wir vielleicht weglassen. Wir hatten eine lange Diskussion über die Kostüme, dass das, was da geplant war, so nicht funktionieren wird. Also machen wir lieber einen neuen Plan und versuchen das, was wir inhaltlich wollen, auf eine andere Art und Weise zu transportieren. 

 

Und dass das alles kein Grund ist zu verzweifeln, auch kein Grund zu denken, oh Gott jetzt haben wir eine Katastrophe, sondern lediglich zu sagen, aha so sind die Gegebenheiten, was machen wir mit denen. Dieses Lernen, nicht von Dingen zu träumen die nicht da sind, sondern die eigenen Träume mit dem zu realisieren was da ist, ist im Moment ein ganz wichtiger Punkt.

 

Wie kommen die Schüler damit klar?

 

Ziemlich gut. Wenn wir uns nicht nervös machen lassen, dann werden die Schüler auch nicht nervös. Das ist immer wieder zu spüren. Generell ist das eine ganz wesentliche Aufgabe der Pädagogik: Wir sind das Vorbild. Solange ich mich nicht nervös machen lasse, sehen sie, der dreht nicht durch, dann müssen wir das auch nicht. Das Wichtige ist, den Schülern Räume zu geben, in denen sie geschützt sind. Dass sie ganz genau wissen, was sie zu tun haben und warum sie’s tun. Es geht darum, minutiös jede kleinste Sekunde so zu klären, dass sie wissen, was sie tun. Wenn ich weiß was ich tue, ist es nie peinlich.

 

Was macht ein Klassenspiel mit Schülern?

   

Mir beschreiben Schüler, dass die Probenzeit zum Klassenspiel ihr Leben verändert -  den Klassenzusammenhalt, ihre Wertigkeit. Das funktioniert natürlich nur mit 13 Jahren „Waldorfvorarbeit“ . Ich habe auch in Regelschulen gearbeitet und das geht da nicht mal Ansatzweise. Waldorfschüler haben keine Angst. Ängste haben wir natürlich alle, das ist menschlich. Aber im Grundduktus sind sie nicht angstdiktiert. Sie sind damit auch nicht so pflegeleicht. Die fragen dann auch mehr, wieso, warum soll ich das machen? Aber sie haben ein Grundvertrauen in sich und die Möglichkeit, Dinge zu ändern. 

 

Und was macht ein Klassenspiel mit Dir?

 

Im professionellen Theater denkt sich man was aus, konfrontiert die Schauspieler damit und die führen das aus, mit einem Minimum an Kreativmöglichkeiten. Hier komme ich hin und weiß gar nix, höre mir an, was die Schüler wollen und das macht wiederum mit meiner Fantasie etwas. Theater ist die Kunst des Dialogs. Zu merken, da gibt es so eine Welt, in der man auf viel direktere Art Erfahrungen austauschen kann, ist sehr bereichernd. Ich kann mit dem Begriff „erwachsen“ nicht viel anfangen. Mit Reife, mit Bildung ja, aber erwachsen ist so fertig, so zu Ende. Da fehlt die Neugier. In der Begegnung mit jungen Menschen geht es mir eher so, dass ich merke, ich bin gar nicht so viel weiter. Und dann zu sagen, lasst euch von uns Erwachsenen nicht zu viel erzählen, ihr tickt da schon ganz richtig. Ihnen Mut zu machen und Kraft zu geben, denn die braucht es in den nächsten Jahrzehnten, da kann ich nur Danke sagen, so etwas tun zu dürfen.

 

 

Das Gespräch führte Rebecca Bernstein