Mini-Maxi-Prinzip der Ökologie
 

Interview

Interview »Das Mini-Maxi-Prinzip der Ökologie«

 

Sind wir als Schule auch nur gesellschaftlicher Durchschnitt oder sollte eine Waldorfschule Vorbildcharakter haben? Wie weit geht die Liebe zum ökologischen Leben für jeden Einzelnen von uns und wo hört sie auf? Was ist das mit dem inneren Schweinehund, der einem das „Gutmenschen“-Leben immer wieder so schwer macht? Das und anderes diskutieren Andreas Dinkelmeyer (Vater), Martin Suchrow (Schüler, Kl. 12) und Johannes Heiderich (Schüler, Kl. 5) mit der Newsletter-Redaktion.

 

1. »Einmal Fair gegen dreimal H&M«

 

RSS-Newsletter-Redaktion (NL): Martin, du gehst in die zwölfte Klasse der RSSB und setzt dich für Fairtrade-Kleidung ein. Trägst du auch gerade alles in Fairtrade?

Martin Suchrow (MS): Nicht alles, einige Sachen trage ich noch auf. Es wäre unökologischer, die jetzt wegzuschmeißen. T-Shirt, Hose, und Pulli sind ökologisch und fair produziert.

NL: Wie kam es zu diesem Engagement und dieser Einstellung?

MS: Vor anderthalb Jahren habe ich mir überlegt, zu dem Thema meine Jahresarbeit zu schreiben. Der Gedanke war schon vorher da, natürlich und ökologisch fair gearbeitete Kleidung zu tragen.

Andreas Dinkelmeyer (AD): Finde ich toll. Ich persönlich finde leider zu wenige Klamotten, die mir wirklich gefallen. Für Unterhosen ist das okay, aber…

MS: Das Hamburger Label „fairliebt“, bei dem ich eine Zeit lang gearbeitet habe, hat schon modisch topaktuelle Sachen für Leute bis 30. Und in Ottensen verkaufen die Inhaberinnen Mechthild Schilmöller & Insa Reinke Designer-Mode in fair gehandelter Bio Qualität für Frauen ab 35 („Klamottensen“, Kleine Rainstraße 6, d. Red.). Versandhäuser wie Hess Natur, Maas oder Grüne Erde liefern auch gute und zeitlose Sachen.

NL: Zahlt man da nicht eher fürs Gewissen oder sind die Klamotten auch haltbar?

MS: Sind sie, man zahlt zwar 100 Euro für eine hochwertige und langlebige Jeans wie meine hier, aber das zahlt man ja inzwischen auch schon für eine Markenjeans.

NL: Steckt faire Kleidung noch in den Kinderschuhen?

MS: Nein, es gibt professionelle Firmen, die weltweit vertreiben. Das Problem sehe ich in der Akzeptanz. Hier in Deutschland ist es inzwischen weit verbreitet, Bio-Lebensmittel zu kaufen. Aber beispielsweise auch an unserer Schule würde ich schätzen, dass höchstens 2-5 Prozent faire und ökologische Kleidung tragen, und dann auch mehr Erwachsene als Schüler.

NL: Es ist ja auch teuer, sich so etwas zu leisten, da reicht das Taschen- oder Kleidergeld vielleicht nicht immer...

MS: Aber vielleicht reicht ja auch eine fair produzierte und qualitativ hochwertige Hose statt drei bei H&M gekaufte. Ich finde, gerade in der Zeit, in der bei uns (Schülern) auch oft die Frage nach dem Sinn und so aufkommt, sollte man sich auch fragen, was kaufe ich da und wem leiste ich Vorschub bzw. unterstütze ich da das Richtige, das mit meinem Verständnis von Gerechtigkeit und Ökologie konform geht? Es gibt einige – mich übrigens eingeschlossen – die sind Vegetarier aus ethischen Gründen, wegen der Massentierhaltung, aber sie denken in der Konsequenz nicht weiter.

NL: Noch mal zu H&M, die haben doch aber eine Ökoline und halten Standards ein?

MS: Aber die Arbeitsstätten haben unzumutbare Mindestlöhne in Bangladesch.

AD: Und das Problem ist ja oft, dass die Standards nicht mehr für die Zulieferer der Zulieferer gelten. Außerdem arbeitet auch H&M mit chemischen Inhaltsstoffen.

 

2. »Vermenschlichung, wo Entmenschlichung zunimmt«

 

NL: Andreas, du arbeitest als Pressesprecher beim IFAW, dem Internationalen Tierschutz-Fond, der 1969 in Kanada gegründet wurde.

AD: Ja, damals war die Robbenjagd brandaktuell, da hat sich die Organisation damals gegründet. Der IFAW setzt sich inzwischen auch ein für den weltweiten Schutz von Wildtieren, eines unserer Symboltiere ist der Elefant, außerdem kämpfen wir gegen den kommerziellen Walfang und retten Tiere aus Katastrophengebieten.

NL: Wie sieht das aus?

AD: Wir leisten u. a. Nothilfe. Letztes Jahr haben wir bei der Überflutung in Pakistan für viele Nutztiere wie z. B. Rinder, für die es aufgrund der Katastrophe keine Futtermittel mehr gab, Futter zur Verfügung gestellt.

Aber auch die Haustiere der Menschen, für die sie eine wichtige soziale und emotionale Unterstützung sind, haben wir aus Katastrophengebieten gerettet wie auf Haiti oder in New Orleans, als dort der Hurrikan Katrina getobt hatte. Da wollten viele Menschen nicht evakuiert werden, weil sie nicht wussten, wohin mit ihren Tieren. Wir haben ein Auffanglager für Tiere organisiert.

NL: Wie bist du dazu gekommen?

AD: Ich bin studierter Biologe und habe mich schon früh für Natur- und Umweltschutz engagiert. Da kam die Stelle im Tierschutz daher, und ich habe Okay gesagt.

NL: Du lebst außerdem mit deiner Familie im Wohnprojekt Greves Garten. Wie muss man sich das vorstellen? Ist das eine Genossenschaft nach dem Motto: Alle für einen?

AD: So etwa in der Art. Es gibt Miet- und Eigentumswohnungen, wir sind etwa 40 Erwachsene und genau so viele Kinder. Jung und alt, Familien, Paare, Singles…

NL: Kann man sich so das zukünftige Ideal einer Lebensgemeinschaft vorstellen?

AD: Es ist für mich zumindest wie ein Stück Vermenschlichung des städtischen Lebens, in dem Entmenschlichung zunimmt. In so einer Gemeinschaft stellt man sich viel direkter und unausweichlicher die Frage, wie gehen wir mit unserer Umwelt und mit uns um? Und man beschäftigt sich auch mit den Themen der anderen.

 

3. »Am Anfang war der Glühbirnen-Karton«

 

NL: Johannes, du bist in der 5. Klasse und hast vor knapp zwei Jahren begonnen, eine eigene Umweltzeitung zu machen. Wer ist noch dabei?

Johannes Heiderich (JH): Matthias Heins, Gabriel Vollmer und mein Bruder David. Früher auch noch Giosuè Käpernick, aber der ist nicht mehr auf unserer Schule.

NL: Wie hat das mit der Umweltzeitung angefangen?

JH: Ich lese gerne Geolino und andere Kinderzeitschriften. Und da waren immer spannende Sachen, die mich interessiert haben. Da habe ich gedacht, das könnte ja auch andere interessieren.

AD: Wie viele Zeitungen habt ihr denn so verteilt?

JH: Also, wir haben 20 Zeitungen kopiert und verteilt.

AD: An wen denn so?

JH: Lehrer, meine Patentante, Klassenkameraden und auch ein paar Eltern.

NL: Du schreibst ja auch für das Inside-out-Magazin (unsere Schülerzeitung, d. Red.) Kolumnen, in denen du die Parteien mit Tieren vergleichst bzw. andersherum…

JH: Ja, ich wollte mal einen witzigen Aufsatz schreiben, ich war bei Christoph (Gunzelmann, d. Red.) und da hat das seine Schwester gesehen (Vilja Gunzelmann, Redaktion Inside-out) und fand das toll. Jetzt bin ich im Redaktionsteam. Zuletzt habe ich für Insideout einen Artikel über Plantagen geschrieben.

NL: Interessant, mit was du dich alles beschäftigst, mit dem Tierschutz, aber auch mit umweltfreundlichen Maßnahmen wie der Bus-Waschanlage in Schenefeld. Wie bist du darauf gekommen?

JH: Da war ein Umwelttag, weil Hamburg ja Umwelthauptstadt 2011 war, und wir sind mit dem Bus nach Schenefeld gefahren. Dort haben sie uns erklärt, wie sie die Busse umgerüstet haben, damit sie umweltfreundlich bremsen, weil die Busse ja alle 500 Meter anhalten müssen, und auch, wie die Waschanlage mit Regenwasser funktioniert.

NL: Während andere deines Alters also skateboarden, in sozialen Netzwerken posten oder lieber shoppen, vertreibst du dir deine Zeit und schreibst solche Sachen auf. Weißt du eigentlich schon, was du später mal machen willst?

JH: Etwas bewegen, das macht Spaß.

NL: Eure Klasse sammelt doch für Afrika auf den Aktionstagen? Wie kam es dazu?

JH: Also, da wurde mal eine Glühbirne ausgewechselt und in einen Karton gelegt. Da haben wir die Glühbirne weggebracht und überlegt, was man mit dem Karton machen könnte. Und da sind wir über den Schulhof gegangen und haben mit dem Karton für unsere Schule gesammelt. Für die 3,49 Euro haben wir im Büro dann auch eine Spendenquittung bekommen. Da haben wir gedacht, na ja, vielleicht können wir so was ja auch für die Projekte von Morpheus (Trommel-Pädagoge aus Ghana, der regelmäßig an unsere Schule kommt, d. Red.) machen. Auf dem Tag der offenen Tür und auf dem Basar haben wir nun 143 Euro für Morpheus und 231 Euro für eine Waldorfschule in Südafrika bei Johannesburg gesammelt. Die brauchen das dort, weil die Kinder zum Teil nicht wissen, wie sie zu ihrer Schule kommen sollen.

AD: Wollen manche auch mal unterstützen, weil sie etwas Interessantes in eurer Umweltzeitung gelesen haben?

JH: Ja, das kommt vor.

NL: Martin, noch ein Jahr bis zum Abi, was möchtest du dann machen?

MS: Ich möchte gerne Social Entrepreneurship studieren, das ist so eine Art BWL und soziale Unternehmensführung. Später möchte ich dann ein gewinnbringendes, aber soziales Unternehmen im Bereich Mode aufbauen.

 

4. »Das Wissen um die Notwendigkeit von ökologischem Handeln ist da, es in Handlung umzusetzen, das ist das Problem«

 

NL: Andreas, warum habt ihr eure Kinder an der Waldorfschule?

AD: Zum einen des sozialen Aspektes wegen, einfach weil ich viele gute Ansätze und Grundlagen in der Waldorfpädagogik sehe. Ich kann nicht alles nachvollziehen, aber vieles. Natürlich dürfte die Einstellung an einigen Stellen auch moderner sein. Vereinzelt sollte vielleicht nicht so intensiv an alten Leitsätzen geklebt werden.

NL: Meint ihr, Rudolf Steiner würde vielleicht das eine oder andere befürworten, wenn er heute leben würde?

MS: Auf jeden Fall, der war ja ein Reformer des 20. Jahrhunderts und wäre das auch in diesem Jahrhundert wieder gewesen. Ich finde, man sollte auch offen, konstruktiv und lösungsbereit einbinden, mit was uns die Umwelt heute so konfrontiert.

AD: Toll finde ich den Grundgedanken der Erziehung zur Stärke und zur Freiheit.

NL: Martin, würdest du, wenn du Kinder hättest, sie an die Waldorfschule schicken?

MS: Ja, ich denke schon. Für mich war es genau richtig, weil die schulischen Anforderungen und das Programm auf die einzelnen Entwicklungsphasen genau angepasst waren, bis in der Oberstufe das Waldorfsystem für mich aufgehört hat.

Ich finde es auch toll, dass mir die Schule das Gefühl gibt, nicht anonym und allein zu sein. Ich kann mit den Lehrern sprechen, mich ihnen anvertrauen. Von einigen Staatsschülern weiß ich, dass das da nicht der Fall ist. Außerdem denke ich, dass der Umweltaspekt gerade an Waldorfschulen aus dem Grund- und Leitgedanken heraus hier wesentlich gelebt werden kann. Das tut man hier auch schon ganz gut, aber es könnte mehr sein, gerade auch bei Eltern und Schülern.

AD: Du erwartest ein höheres ökologisches Bewusstsein hier an der Schule, aber das spiegelt sich nicht für dich wider?

MS: Ja, ich hätte gedacht, dass ich hier auf viel mehr Menschen treffe, die sich über Ernährung, Kleidung etc. Gedanken machen und weil es hier viele gibt, die nicht unbedingt wenig Geld haben und sich meiner Meinung nach Bio-Lebensmittel und ökologische Kleidung leisten könnten.

NL: Woher, glaubst du, kommt das eher geringe Bewusstsein dafür?

MS: Ich glaube, die Waldorfschule ist „trendy“ geworden. Es gibt zunehmend Eltern, die sagen: Mein Kind soll was anderes haben als die normale Schule.

NL: Vielleicht ja auch, weil die Reformen an der Staatsschule inzwischen für einige Eltern nicht mehr nachvollziehbar sind…?

MS: Mag sein, aber viele Eltern haben das Bewusstsein für Umwelt irgendwie nicht verinnerlicht.

AD: Glaubst du, dass überwiegend solche Eltern hier sind?

MS: Nicht unbedingt überwiegend. Ein Beispiel: Durch meinen Vortrag über meine Jahresarbeit habe ich nur einen einzigen Schüler überzeugen können, ein Bio-T-Shirt zu kaufen statt eines normalen T-Shirts sowie eine Ökohose. Das ist der Erfolg aus anderthalb Jahre lang „faire Kleidung“ propagieren…

AD: Ich war letztens auf einer Konferenz über nachhaltige Bildung, da wurde gesagt, dass in unseren Industriegesellschaften das Wissen um die Notwendigkeit von ökologischem Handeln da ist, das wäre nicht das Problem. Aber das Wissen in Handlung umzusetzen, das sei das Problem.

NL: Also den inneren Schweinehund zu überwinden…?

AD: Ja, es gibt immer viele Gründe, beispielsweise nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und stattdessen lieber das bequeme Auto zu nehmen.

 

5. »Wir an der Schule sind eben auch nur gesellschaftlicher Durchschnitt«

 

NL: Aber wie kriegt man Leute dazu, das umzusetzen?

MS: Ich sage immer: „Hey, wisst ihr, was bei H&M in den Produktionsstätten passiert?“ Die sagen dann: „Ja, eigentlich schon.“ Aber sie kaufen da trotzdem immer wieder ein.

Ich glaube, wenn sich das irgendwann richtig im Bewusstsein festgesetzt hat, dann schafft man es, sich umzustellen.

AD: Es gab ein Projekt in einem Dorf, die haben die Frequenz für den Busverkehr dort auf einen 20-Minutentakt erhöht, das wurde aber nicht genutzt. Die Leute sind weiter fleißig mit dem Auto zur Arbeit oder zum Einkaufen gefahren.

NL: Das ist aber auch ein wenig die Trägheit der Masse. So schnell geht das Umdenken eben nicht. Ein gutes Beispiel ist da die Waldorfcard. Da gibt es immer noch Leute, die nicht mit der Karte einkaufen, und die Partner wundern sich, dass da keiner bzw. so wenige kommen.

AD: Irgendwie schade für unsere Schule, dass wir nichts anderes als gesellschaftlicher Durchschnitt sind. Wir müssten ja eigentlich Vorbildcharakter haben.

NL: Johannes, wie ist das mit dem Umweltbewusstsein in deiner Klasse? Zum Beispiel beim Müll?

JH: Also, da gab es viele, die Frischhaltefolien um Möhren und Äpfel hatten, aber ich habe mal zwei Müttern gesagt, dass das auch mit Butterbrotpapier geht, da bleiben sie auch frisch, und wenn sie braun werden, ist das ja nicht so schlimm. Die fanden das gut und haben das dann auch für ihre Kinder gemacht. Getränke sind bei uns kein Problem, da gibt’s den Sprudelautomat. Joghurt in Plastikbechern gibt’s da schon eher. Aber es gibt auch welche, die nehmen Cornflakes in der Brotdose mit und etwas Milch und machen sich dann Müsli in der Pause.

MS: Ich meine, was soll man auch sagen, wenn es schon Bio-Apfelsaft in Tetrapack gibt, mit Alu-Innenbeschichtung? Das ist doch echt heuchlerisch. Bei uns in der Klasse hat die Tupperdose für’s Brot auch schon lange nachgelassen.

 

6. »Das Mini-Maxi-Prinzip der Ökologie«

 

AD: Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was einen bewegt und wie er sich anderen mitteilt und da etwas anstößt, wie zum Beispiel Johannes mit seiner Umweltzeitung und Martin mit seiner Fairen Kleidung. Das sollte von innen heraus wachsen, dann ist es auch überzeugend für einen selbst und für andere.

MS: Mein schönstes Erlebnis war, als ich in meinem Fußballverein jemanden, der fern von so was war, davon überzeugen konnte, sich für Faire Kleidung zu entscheiden.

NL: Martin, du hast uns geschrieben, dass du, während du auf dieser Welt lebst, den geringsten Schaden und den größten Nutzen für diese Welt bzw. für deine Kinder einmal leisten möchtest. Ich finde, das ist ein schönes Mini-Maxi-Prinzip der Ökologie. Darüber lässt sich gut nachdenken.

Vielen Dank euch für das Gespräch.

 

Das Interview moderierte Ulrike Keyhani

 

Tipp:

Waldorfcard-Partner mit ökologisch und/ oder fair produziertem Kleidersortiment:

Maike Schambach (Sachsentor 6, Eingang Bergedorfer Schlossstraße)

Frau Holle (Alte Holstenstraße 84)

Nymphenfieber (Carolinenviertel, Marktstraße 10)